Date: Sat, 12 Mar 2011 18:31:58 +0100
From: Jens van Nimwegen
Subject: 'Selbstverschweinung #14'{Jens van Nimwegen}( MM bd exhib ws )[14!20]
AUS AKTUELLEM ANLASS
Wissenschaft
Porcos Auftritt bei Dr. Weegmann hat inzwischen eine Welle von
Zeitungskommentaren und Leserbriefen ausgelöst. Es geht um die Erwähnung
des Professors. Man hört ja in letzter Zeit so viel über nicht selbst
geschriebene Doktorarbeiten. Liegt hier wieder so ein Fall vor? Ein
charismatischer Pornostar, der sich auch noch mit einem akademischen Titel
schmücken will, der aber wegen seiner vielen Verpflichtungen keine
"Übersicht über die Quellenlage" behalten kann und seinen Professoren
weniger wissenschaftlich als mit zwielichtigen Dienstleistungen zuarbeitet?
Und überhaupt, an Schulen wird der eine Sexskandal nach dem anderen
enthüllt -- wie sieht es denn an unseren Universitäten aus?
Die Universität ergreift die Flucht nach vorne. Der Leiter des
Prüfungsamtes lässt sich zusammen mit Porco interviewen im dritten
Programm. Das Interview erscheint in gedruckter Form in der Tagespresse und
einem Universitätsblatt. Auch die Siegessäule berichtet darüber. Abgebildet
wird Porco bei Weegmann in seinem offenherzigen Sweatshirt, aber beim
Fernsehinterview trägt er genau wie der Leiter des Prüfungsamtes einen
eleganten Anzug mit Seidenkrawatte. Ohrring und Nasenring bilden einen
erregenden Kontrapunkt. Es sollten mehr gutaussehende Männer zum Anzug
solche Ringe tragen.
Die Botschaft des Prüfungsmannes ist klar. Zu allererst will er sagen dass
die Universität stolz auf Studenten wie Porco ist, der ausgezeichnete
Leistungen erbringt obwohl er daneben noch einen ungewöhnlichen und sicher
anstrengenden Beruf hat. Ja, er wisse, das hätten auch schon ganz andere
vorgewandt. Gerade darum müsse man eben jeden Einzelfall gut anschauen. Er
habe sich zunächst einmal Beispiele der filmischen Arbeit dieses
prominenten Studenten angeschaut, rein um zu wissen, um wen es gehe. Er sei
beeindruckt von der Qualität und Gründlichkeit, auch wenn das nicht
unbedingt sein Geschmack sei. Hier in Berlin habe man keine Vorurteile,
sicher nicht an Universitäten, "und das ist gut so." Und, ja, er vermute,
was dieser Student hier im Moment eigentlich lieber tun würde als, eh... Er
stockt, und Porco hilft aus: "hier herumzuquatschen. Ja, kann sein, aber
ich kann die beiden Bereiche auch trennen. Sie sollten wissen, dass Spanier
ihre Ehre haben. Vielleicht sogar mehr als der deutsche Adel." Bei dem
damals bei Weegmann erwähnten Professor höre er zwar eine Vorlesung, weil
sie ihn interessiere, aber er würde sich nie von ihm prüfen lassen. Sie
beide wären doch froh, einander privat zu kennen und wollen das nicht
trüben mit Doppelbödigkeiten. Seine Beziehung zu Prüfern und dem
Doktorvater dagegen sei eine rein wissenschaftliche. Erstens, weil er
selbst eine ehrliche Note wolle und seine Quellenlage durchaus
überschaue. Es gehe ihm auch nicht um den Titel, ihn interessiere seine
Arbeit wirklich. Zweitens, weil er niemanden in Verlegenheit bringen wolle,
weder Dozenten noch die Universität. Wenn die Leute doch mal bitte
begreifen würden dass ein hart arbeitender Pornostar eher ein Ehrenmann
sein könne als mancher Politiker. Drittens schreibe er keine sogenannte
Literaturarbeit. Zu seinem Thema gebe es überhaupt kein Material, aus dem
man schöpfen könne. Alte Handschriften entziffern, übersetzen, vergleichen
und Fragmente zusammensetzen -- das solle ihm doch bitte mal jemand
vormachen.
"So was staubiges?" fragt die Moderatorin? Nun ja, er klärt Porco, er müsse
ja in viele Archive und Bibliotheken, und da würde man doch immer wieder
interessante Männer kennenlernen. Bibliothekare gebe es in jedem Alter, und
die meisten wären weit weniger verstaubt als man vielleicht denke.
Höchstens am Arbeitsplatz etwas einsam. Jedenfalls habe er doch immer
wieder interessante Erlebnisse zwischen den Regalen. Wohlgemerkt:
Bibliothekare sind keine Prüfer. Wenn man sich gegenseitig die Arbeit
interessanter macht, ändert das doch nichts an der wissenschaftlichen
Leistung. Er könne jedem Studenten nur raten, das Angenehme mit dem
Nützlichen zu verbinden.
Vielleicht ist das Ganze vorher abgesprochen, aber die beiden nehmen jeder
Kritik den Wind aus den Segeln. Der Prüfungsmann fasst zusammen: Die
Universität achte genau darauf, dass alle Noten das benoten, was sie
benoten sollen, und nichts anders. Dass sich manchmal Dozenten und
Studenten ineinander verlieben, sei unerwünscht, aber von allen Zeiten, und
man müsse als Universität im Einzelfall damit sorgfältig umgehen. Und wie
manche Studentinnen so herumlaufen würden, das wäre zahlenmäßig ein viel
größeres Problem - wenn es denn eines wäre. Wer hier schlüpfrige Gedanken
hätte, sollte erst einmal seine eigenen Vorurteile untersuchen. Das
Interview wird zu einer kurzen, aber überzeugenden Werbung für die
Universität. Und eine Foto-Postkarte von Porco im Anzug verkauft sich sehr
gut. ---------------------------------------
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Jens van Nimwegen